Geboren wurde Victoria Wolff am 10. Dezember 1903 in Heilbronn in einer der angesehensten großbürgerlichen Familie Heilbronns. Ihr Mädchenname ist Gertrud Victoria Victor als Tochter des jüdischen Lederwarenfabrikanten Jakob Victor.
Gemeinsam mit ihrer zwei Jahre jüngeren Schwester Maja erlebte sie eine unbeschwerte Kindheit.Ab 1917 besuchte sie die hiesige höhere Mädchenschule, das heutige Elly- Heuss- Knapp- Gymnasium. Doch da Victoria Wolf in einer so angesehenen Familie lebte, war sie Ziel des elterlichen Ehrgeizes und so schickten die Eltern sie 1917 mit einer ministeriellen Sondergenehmigung auf das Heilbronner Knabenrealgymnasium, das heutige Robert- Meyer- Gymnasium, offenbar gegen den Willen der jungen Victoria. Es wird oft gesagt, Victoria sei als erstes Mädchen auf die Knabenschule gegangen, dies ist jedoch strittig.
Victoria wies große Schwächen in Mathematik auf, da die höhere Mathematik auf der Mädchenschule drastisch vernachlässigt wurde. Um ihre Lücken zu füllen beschloss ihr Vater, dass sie Nachhilfe bekommen sollte. Hierzu engagierte er Victorias Cousin Albert Einstein. Albert versuchte ihr mit allen Mitteln die Mathematik näher zu bringen, so versuchte er ihr schließlich die Mathematik mit Musik zu erklären, weil sie diese sehr liebte. Doch alles war vergebens, was Viktoria leichtfertig hinnahm: „ Ich will gar kein Genie werden, ich will glücklich werden. Ich habe gelesen, dass Genies nie glücklich sind."
Nach dem Abitur, das sie am 29.März 1922 absolvierte, begann sie im April 1922 auf Wunsch ihres Vaters, der 1918 überraschen verstorben war und dem vor allem hinsichtlich des familiären Lederbetriebs an einem handfesten naturwissenschaftlichen Studium seiner Tochter gelegen war, an der Universität in Heidelberg Naturwissenschaften, wahrscheinlich Chemie, zu studieren.
Ihr eigentliches Interesse galt aber der Literatur. Sie sagte schon früh „ Ich liebe Worte. Mit Worten kann ich spielen, ihren Verwandlungen zusehen, und ihrer Bedeutung nachgehen ohne müde zu werden. Worte regen meine Fantasie an."
So brach sie das Studium ab und begann erste journalistische Arbeiten mit Reportagen, Alltagsskizzen und Reiseberichten für die lokale Neckar-Zeitung im schwäbischen Heilbronn, später für die Frankfurter Zeitung , die Kölnische Zeitung, das Stuttgarter Tagblatt und Die Dame, gefolgt von Kurzgeschichten für den Süddeutschen Rundfunk zu veröffentlichen.
Der damalige Chefredakteur der Neckar Zeitung, Hans Franke sagte über ihre Berichte „ Sie zeichnen sich durch schriftstellerischen Charme und gute Pointen aus!"
1932 erschien ihr erster Roman „Eine Frau wie du und ich" im Dresdner Carl-Reißner-Verlag, in dessen Mittelpunkt die Schriftstellerin George Sand steht. . Für sie war George „die erste emanzipierte Frau Frankreichs". Victoria Wolffs großes Thema ist die moderne Frau- „modern" in ihrer Eigenständigkeit und ihrem Anspruch auf Selbstbestimmung. Doch im entscheidenden Augenblick setzten ihre Heldinnen bedingungslos auf Liebe. Den Lebenskampf bewältigen sie aus eigener Kraft, optimistisch und mit dem Talent, Chancen zu erkennen und zu ergreifen. Der geliebte Mann wird als Retter nicht benötigt, aber als Kraftquelle im Hintergrund ist er unentbehrlich.
Der Verleger Neven Dumont wird auf sie aufmerksam und schickt sie 1932 auf eine Reportagereise nach Russland. Von nun an veröffentlichte die junge Autorin zügig weiter.
Doch dann wandeln sich die Zeiten in Deutschland: Wolff erkennt schnell, dass sie als jüdische Autorin keine Zukunft mehr in ihrer Heimat hat. Zu Beginn des Jahres 1934 erhält sie die Nachricht der Reichsschrifttumskammer über das Publikationsverbot jüdischer Autorinnen und Autoren. Inzwischen ist sie mit dem Textilfabrikanten Dr. Alfred Max Wolf verheiratet, der ihr Jugendfreund war und hat bereits zwei Kinder. Sie emigriert mit den Kindern, doch ohne ihren Ehemann, zunächst in das Schweizer Ascona.
Im Tessin ist Wolff trotz der widrigen Umstände ungeheuer produktiv. Sie lernt viele andere Emigranten kennen und befreundet sich vor allem mit Leonhard Frank und Erich Maria Remarque. Es entstehen Werke in denen sie ihre Erfahrungen im Nationalsozialismus schildert.
Auch in der Schweiz geraten die Emigranten zusehends unter Druck, und Wolff veröffentlicht teilweise unter Pseudonymen. Sie arbeitet so weit wie möglich weiter und unternimmt Reisen nach Palästina und Ägypten, schreibt Reportagen und verarbeitet diese Eindrücke auch in Romanform. Als ihre Aufenthaltserlaubnis in der Schweiz entgültig ausläuft, flieht sie nach Nizza, gerät dort unter Spionageverdacht, gelangt dann mit Hilfe von amerikanischen Freunden über Spanien und Portugal 1941 in die USA.
In Los Angeles fasst sie schnell Fuß. Sie belegt Kurse an der Universität, um sich mit den Feinheiten der amerikanischen Literatur vertraut zu machen, knüpft Kontakte und beginnt Drehbücher zu schreiben. Mit dem in Frankreich entstandener Roman „Das weiße Abendkleid", der unter dem Titel „Tales of Manhattan" mit Rita Hayworth und Charles Laughton verfilmt wird, gelingt ihr der Einstieg als Drehbuchautorin. Auch hier knüpft sie schnell Kontakte und beschreibt für Zsa Zsa Gabor deren Flucht von Ungarn nach Amerika in „Every Man for Herself" (1943).
Die Ehe mit dem inzwischen ebenfalls in die USA emigrierten Ehemann Alfred Max Wolf wird 1945 geschieden, und sie heiratet in Los Angeles 1949 den Berliner Kardiologen Erich Wolff - damit erklärt sich die unterschiedliche Schreibweise ihres Nachnamens.
Die Geschichte ihrer Flucht bildet den Hintergrund des Romans „Keine Zeit für Tränen" (1954), den sie unter dem Pseudonym Claudia Martell veröffentlicht. 1969 kommt die zweite, gekürzte, Fassung unter dem leicht veränderten Titel „Die Zeit der Tränen geht vorbei" auf den Markt. Wolff war als aktives Mitglied der südkalifornischen Exilgemeinde um ihren guten Ruf bemüht und wollte damit Spekulationen über die Liebesgeschichte, die der autobiographisch gefärbte Roman beschreibt, vorbeugen.
Ihre Arbeit als Drehbuchautorin gibt sie nach einem langwierigen Prozess um Urheberrechte auf. Dafür arbeitet sie weiterhin journalistisch z.B. bei der jüdischen Emigrantenzeitschrift „Aufbau", die von einem anderen Heilbronner, Will Schaber, herausgebeben wird. In dieser Zeit entsteht noch einer ihrer größten Erfolge „Stadt ohne Unschuld" (1956), in dem sie ihrer neuen Heimat Los Angeles ein literarisches Denkmal setzt.
Wolff, die ihr ganzes Leben von der Selbstverantwortung des Menschen überzeugt war, beteiligte sich nach Kriegsende bis zu ihrem Tod am kulturellen Austausch zwischen Amerika und Europa. Schon 1949 besuchte Victoria Wolff auf Einladung des damaligen Oberbürgermeisters Meyle das zerstörte Heilbronn. Zum letzten Mal war sie 1985 im Rahmen einer Begegnungswoche jüdischer Mitbürger zu Gast in Heilbronn. Sie starbt 1992 in Los Angeles. Ihr Nachlass wird verwahrt in der Victoria Wolff Collection, Special Collections, University of California, Los Angeles welche uns bei unserem Projekt mit umfangreichem Material unterstützte.
Trotz der weltweiten Berühmtheit Viktoria Wolffs ist die Autorin in ihrer Heimatstadt Heilbronn nahezu in Vergessenheit geraten. Nur das Robert- Meyer-Gymnasium, das Viktoria Wolff als Schülerin besuchte, vergibt seit 2002 den Viktoria-Wolff-Preis für überdurchschnittliche Leistungen in den Bereichen Kunst, Literatur, Musik und Theater.