Am Dienstag, den 6. Oktober 2009 hatte einer der Deutschkurse der zwölften Klasse die Möglichkeit, die Inszenierung des gefeierten Roman „In seiner frühen Kindheit ein Garten“ von Christoph Hein im Theater Heilbronn hautnah zu erleben. Erzählt wird von dem Vater eines Terroristen, der für seinen Sohn nur eines will: Gerechtigkeit und dabei zunehmend mit den eigenen Werten und Idealen in Konflikt gerät.
„Wenn Sie jetzt bitte alle hier zusammenkommen würden, dann könnte ich mit der Einführung beginnen.“ Die Dramaturgin des Schauspiels, Birte Werner, spricht mit klarer Stimme ins Mikrofon. Die 12. Klasse von Frau Banghard-Jöst und einige andere Deutsch- und Literaturkurse von umliegenden Gymnasien sind anwesend sowie andere hauptsächlich ältere Besucher, die sich jetzt alle gespannt um die lächelnde Dramaturgin versammeln. Man erfährt etwas über das Leben und die Werke von Christoph Hein und später fasst Frau Werner den Inhalt des Buches ein wenig zusammen, da nach kurzem Nachfragen und spärlichen Handzeichen klar geworden ist, dass kaum einer der Theaterbesucher den Roman gelesen hat, geschweige denn über andere Werke von Hein Bescheid weiß. Über das Bühnenbild habe man lange und intensiv nachgedacht, erzählt sie dem Publikum. Das Design von öffentlichen Räumen der 60er und 70er Jahre soll die Kälte und Einsamkeit widerspiegeln, die bei der Familie Zurek eingekehrt sind.
Jetzt wird den Besuchern viel Vergnügen bei der Vorstellung gewünscht und alle bewegen sich in Richtung des Großen Hauses und nehmen ihre Plätze ein. Man merkt, dass dies nur eine Wiederaufnahme des Schauspiels ist, denn die Sitze sind nur zu zwei Dritteln besetzt.
Die Lichter verdunkeln sich und der ausgebleichte, fast senfgelbe Vorhang öffnet sich und gibt den Blick auf ein enorm großes Wohnzimmer mit scheinbar endlosen Ausmaßen frei. Eine eher unbequeme weiße Sitzgarnitur zieht sich von einem Ende der Bühne zum anderen und durch die an den hohen Wänden aufgereihten Büsten antiker und moderner Intellektueller wird der Anschein erweckt, als wachten diese über das Geschehen auf der Bühne. Das Stück beginnt mit dem Geräusch des raschen Tippens einer Schreibmaschine. Das Publikum wird sehr still und konzentriert sich auf das alte Ehepaar, das an verschiedenen Enden des aulaartigen Wohnzimmers sitzt. Von jetzt an wird detailliert die Geschichte der pensionierten Eheleute Zurek erzählt, die mit den illegalen Machenschaften und dem letztendlichen Tod ihres Sohnes durch einen Polizisten konfrontiert werden und den Kampf um Gerechtigkeit für ihren Jüngsten aufnehmen. Die Polizei und alle anderen Beteiligten verschleiern den Fall auf höchst verdächtige Weise, und die Familie weiß bald nicht mehr, wem noch zu trauen ist. Vor allem Richard Zurek hat schwer mit der Ungerechtigkeit des Staatssystems zu kämpfen, dem er Jahrzehntelang vertraut hat, und entbindet sich deshalb von seinem Amtseid, den er als Schulleiter geleistet hat.
Nach der zwei Stunden langen Vorstellung setzen sich alle Schüler, die Lehrer, die Dramaturgin Birte Werner, der Intendant Axel Vornam sowie der Großteil der Schauspieler zusammen. Es werden Fragen gestellt, sowohl von Schülerseite als auch von der der Regisseure, Antworten gegeben und viel diskutiert. Einige der Jugendlichen hatten die Beziehung zwischen den Eheleuten Zurek anders verstanden und fragten nach dem Grund, warum der tote Sohn in dieser Interpretation auf der Bühne war, das Geschehen beobachtete und in der Rolle eines Journalisten alles kommentierte. Es wurde darüber diskutiert, warum die Regisseure gerade dieses Stück gewählt hätten, worauf entgegnet wurde, das Besondere an diesem Roman sei, dass ein Stück deutsche Geschichte aus einem völlig neutralen, aber intellektuellem Standpunkt betrachtet wird. Auch ermutigte Herr Vornam die Schüler wiederholt, nicht immer alles, was in diesem Land und der Welt geschähe, einfach so hinzunehmen, sondern alles permanent zu hinterfragen. Genau das will auch Christoph Hein mit seinem Roman sagen: Wer akzeptiert, der verliert.
Selma Olbort, Klasse 12