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"Die Gegenwart der Folter"

Vortrag von Alexander Bahar

von Andreas Hopf, Moritz Klawitter und Laurenz Vanorek

Es ist Montagmorgen, der 08.06.2009, um circa 9.20 Uhr. Die meisten Schüler der 12ten Klasse des Mönchsee-Gymnasiums kommen gerade wie gewöhnlich aus ihren ersten 2 Stunden Unterricht. Normalerweise würden sie jetzt in die Pause gehen und sich dann auf die nächste Doppelstunde vorbereiten. Heute aber nicht. Heute begeben sich die Klassen der Lehrer Banghard, Schmidt und Weber in den Musiksaal Nr. 232. Denn heute ist ein besonderes Ereignis! Heute kommt Alexander Bahar, ein weithin bekannter Autor, zu diesen Klassen und will zu und mit ihnen über sein Buch sprechen. Der Titel des Buches lautet:

„Folter im 21. Jahrhundert. Auf dem Weg in ein neues Mittelalter?"

Alexander Bahar ist ein etwa 1.70 Meter großer Mann Mitte 40. Er hat schwarzbraunes Haar, das schon gelegentlich von einzelnen grauen Strähnen durchzogen wird. Sein Gesicht ist freundlich und offen. Er lächelt vielen Hereinkommenden zu, die meisten lächeln zurück.

„Wieder so ein Vortrag. Hoffentlich wird's nicht zu langweilig", hört man den einen oder anderen murmeln.

Dann beginnt Herr Bahar zu erzählen. Er bedankt sich für die Einladung. Für ihn sei dies eine Premiere, da er das erste Mal (seit seiner Schulzeit) in einer Schule spreche. Dann stellt  er sein Buch vor. Die meisten Schüler, die am Anfang noch müde und zusammengesackt in ihren Stühlen hingen, setzen sich jetzt sichtbar aufrechter hin.

Dieses Thema ist keine längst vergangene Geschichte, sie ist Teil der heutigen Welt, ständig in den Medien und daher für jeden realisierbar. Herr Bahar berichtet, dass sein erster Vortrag zu diesem Thema im November 2008 unter dem etwas irreführenden Titel „Die Rückkehr der Folter" angekündigt wurde, denn Folter kehre ja nicht wirklich zurück, sie sei seit Langem grausame Realität.

Allerdings erlebe  Folter in unserer jetzigen Zeit  eine neue Renaissance. Der Referent verweist auf Parallelen zum NS-Regime oder zur mittelalterlichen  Inquisition. Auch wenn Folter von vielen verworfen, verleugnet und nicht als real angesehen wird, so gibt es sie doch. Es gibt zwar viele internationale und nationale Vereinbarungen und Gesetze , welche die  Folter verbieten, doch die Lücke zwischen den gesetzlichen Vorgaben und der Realität sei sehr groß, so Bahar.

Ja, Folter ist real. In vielen Ländern ist sie gängige Praxis oder bestehende Gesetze werden so weit ausgedehnt, dass auch härteste körperliche oder psychische Strafen noch als legal gelten. Sogar bei uns ist man nicht frei davon. Hoch angesehene Politiker sprechen sich für die Folterung von mutmaßlichen Straftätern und Terroristen aus, wenn dadurch die Leben anderer gerettet werden könnten. Von „finaler Rettungsbefragung" oder ähnlichen verharmlosenden Ersatznamen ist dann oft  die Rede. Das tatsächliche Wort „Folter" wird jedoch vermieden. Auch sind Politiker dafür, im Ausland unter Folter erzwungenen Informationen auch hier in Deutschland zu verwenden. Schon jetzt stützt sich die Bundesanwaltschaft in Verfahren gegen mutmaßliche Terroristen auf solche Informationen, sofern nicht eindeutig nachweisbar ist, dass sie unter Folter erzwungen wurden. Und das alles trotz der Genfer Konvention von 1948,  der UN-Antifolterkonventionvon 1984 und geltenden deutschen Gesetzen, die so etwas verbieten.

Dies alles erzählt Alexander Bahar in ruhigen und kurzen Sätzen. Trotzdem bleibt die Wirkung auf die Klassen nicht aus. Von Langeweile findet man keine Spur. Rundum sieht man erstaunte und ungläubige Gesichter. Folter?? Naja vielleicht schon, aber so etwas bei uns, heute?? Das wussten nur wenige.

Nun kommt Herr Bahar auf die Rolle der USA zu sprechen. Er spricht viele verschiedene Punkte an. Er geht in die Vergangenheit zurück und erzählt, wie die USA schon seit Ende des Zweiten Weltkriegs Folter systematisch erforscht und perfektioniert und auch selbst angewandt haben. Allein bei einem einzigen geheimen Feldzug innerhalb des Vietnamkriegs („Operation Phoenix") seien mehr als 50000 Zivilisten und mutmaßliche Anhänger und Sympathisanten des Feindes, der damaligen Vietnamesischen Befreiungsbewegung, gefoltert und ermordet worden.

Dann kommt er zum 11.09.2001. Das war der Tag, an dem der Welt der Glaube an ihre eigene Sicherheit genommen wurde. Das war auch der Tag, an dem sich die USA endgültig über geltende Antifoltergesetze hinwegsetzten. Von Republikanern wie auch von Demokraten erhielt der Präsident volle Machtbefugnis. Diese wurde auch genutzt. Rechtsfreie Räume (Guantánamo Bay u.a.) wurden geschaffen, in die man Terrorverdächtige ohne den geringsten Beweis wegsperren konnte. Im so genannten Kampf gegen den Terror wurden Menschen entführt und rechtlos gestellt - auch mit Billigung der deutschen Bundesregierung, so Bahar. Auch wurde das Wort ‚Folter' neu definiert. Alles, was praktisch nicht direkt zum sofortigen Tod oder zumindest zu schwersten und lang anhaltenden physischen und psychischen Schäden führte, wurde nicht als Folter anerkannt. Und dann die Foltermethoden... Man merkt, wie sehr den Referenten dieses Thema beschäftigt. Bahar listet die wesentlichen, von der US-Regierung als „verbesserte" oder „fortgeschrittene" Befragungstechniken bezeichneten Methoden auf. Die Liste ist erschreckend lang! Von Beleidigung über Reizüberflutung bis hin zu Drogen, sexuellem Missbrauch und „Waterboarding" (wobei der Gefolterte an den Rand des Ertrinkens gebracht wird) erstreckt sich eine Liste voller Perversion und Abstrusität! Das geht auch an den Zuhörern nicht spurlos vorbei. Es herrscht absolute Ruhe, und es gibt niemanden, der nicht angeekelt, aber hochaufmerksam den Worten Bahars lauscht.

Viel zu schnell ist die Zeit verstrichen und Herr Bahar lässt den Schülern die letzten paar Minuten noch Zeit für Fragen. Viele sind von den unglaublichen Informationen, die sie gerade erhalten haben, regelrecht erschlagen. Dennoch gibt es einige Fragen, und es kommt zu einer kurzen, aber angeregten Diskussion. Ob es denn eine Reaktion der Bundesregierung auf sein Buch gegeben habe, will eine Schülerin von dem Referenten wissen. Wie die meisten kann auch sie nicht fassen, dass auch Deutschland in diese Praktiken verwickelt war und sich die deutsche Regierung bis heute nicht bei Opfern wie Murat Kurnaz, Khaled el-Masri und Mohammed Haydar Zammar entschuldigt hat. Die Betreffenden, deutsche Staatsbürger oder in Deutschland aufgewachsen, waren ebenfalls verschleppt und gefoltert worden. Nein, von offizieller Seite habe es bisher keine Reaktion gegeben, so Bahar. Umso wichtiger sei es, die Verantwortlichen mit den Fakten zu konfrontieren. Dies sei auch die Aufgabe der Medien, die den Machthabenden aber gerade bei der Verletzung von Menschen- und Bürgerrechten viel zu viel durchgingen ließen.    

Perfekt getimet beendet Herr Bahar seinen letzten Satz mit dem Läuten der Schulglocke. Viele Schüler hätten noch lange den Worten Bahars lauschen können, doch sie müssen nun in die nächste Unterrichtsstunde. Nachdenklich verlassen sie das Zimmer. Für den Gesprächsstoff der nächsten paar Tagen ist auf jeden Fall gesorgt.