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Hans Müller: ein Heilbronner Philanthrop

Schüler des Mönchsee-Gymnasiums porträtieren den Integrationspreisträger der Diaphania (2011)

„In toller Atmosphäre“ erzählt Hans Müller Schülerinnen und Schülern (JS1) am 12.1.11 im Mönchsee-Gymnasium über sein Leben.

Für ihn ist es etwas Besonderes mit Schülern über sein Leben zu reden, da er früher häufig  in einem Schulzimmer als Referent tätig war – zunächst über viele Jahre im Dienstzeit begleitenden Unterricht für den gehobenen Verwaltungsdienst in Heilbronn und später in der Verwaltungs-Fachklasse der Kreisberufsschule in HN-Böckingen.  „Es ist also wieder einmal Zeit, Schulerfahrungen zu sammeln“, sagte er mit verschmitztem Lächeln.

 

Diaphania 2011

Hans Müller (links) mit Avital Toren und Reinhold Würth

Wichtige Stationen seines Lebens

Hans Müller ist 1936 in Heilbronn geboren. Er wuchs in der Kriegszeit auf und überlebte auch den verheerenden Bombenangriff am 4.Dezember 1944 auf Heilbronn.

Er besuchte von 1942 bis 1944 die Rosenauschule in Heilbronn, doch konnte er erst nach dem Krieg, 1952,  seine mittlere Reife am Robert-Mayer Gymnasium  absolvieren.

Damit konnte Müller in die gehobene Beamtenlaufbahn eintreten. 1953 bis 54 verbrachte er ein Auslandsjahr in Amerika, welches sein Weltbild positiv beeinflusste. „Dieses Jahr in Amerika war für mich sehr wichtig. Alles war ganz anders als hier in Deutschland. Wenn Ihr die Möglichkeit habt, ins Ausland zu kommen, so nehmt diese Möglichkeit an. Ich kann es euch nur empfehlen“, so Müller. Mit vielen neuen Erfahrungen und Eindrücken kehrte er zurück nach Deutschland und setzte seine Verwaltungsausbildung von 1954 bis 1956 im Rathaus in Kirchhausen fort.  Vor dem USA-Aufenthalt war er bereits im Bürgermeisteramt Horkheim (heute HN- Horkheim) und später im Rathaus in Roigheim tätig.  Im  Jahr 1957 ging er für  ein Jahr zum  Landratsamt Heilbronn und nach Abschluss der Verwaltungsschule in Stuttgart im Jahr 1959 wechselte  er zur Stadtverwaltung Heilbronn. Von 1963 bis 1966 absolvierte Herr Müller ein sechs- semestriges berufsbegleitendes Studium an der württembergischen Verwaltungs- und Wirtschaftsakademie, das er 1966 mit dem Sozialdiplom abschloss.  Bei der Stadt Heilbronn arbeitete er im Sozialamt- und Jugendamt,  das er von 1971 bis 1998, also insgesamt 27 Jahre, leitete, bevor er in Rente ging. Der Anreiz für diese Berufswahl war, dass man sehr vielen Leuten begegnet und dabei auch Zuwanderern und  Immigranten helfen kann, besser in die Gesellschaft aufgenommen zu werden. In dieser Zeit war auch die Zuwanderung ausländischer Arbeitnehmer und der darauffolgende Nachzug von Familienangehörigen sehr groß.  

Hans Müller erlebte beide Zuwanderungswellen in Deutschland. Die erste war nach 1945, als viele Osteuropäer als Flüchtlinge nach Deutschland kamen. Dabei musste die Bevölkerung zwangsläufig, je nach Hausgröße, eine bestimmte Anzahl Flüchtlinge aufnehmen. Die später aus Osteuropa zuziehenden Aus- und Übersiedler wohnten zunächst im staatlichen  Übergangswohnheim in Heilbronn- Böckingen. Dieses Wohnheim bot Platz für ungefähr 500 Zuwanderer.                                     
Für Hans Müller war in den 50er- und 60er Jahren das Handball-Team Horkheim ein Beispiel für gelungene Integration. „Die Mannschaft bestand aus Spielern, zum Großteil aus osteuropäischen Flüchtlingen und Immigranten. Mich faszinierte es, wie diese Truppe zusammen spielte und in jeder Situation zusammengehalten hat“, meint Hans Müller. 

Nicht immer einfach war die Aufnahme und Unterbringung von Asylbewerbern und schließlich auch vieler Flüchtlinge aus den verschiedenen Teilen des auseinanderbrechenden Jugoslawiens. Die Bevölkerung zeigte sich oft abgeneigt gegenüber den Einwanderern. „Meiner Meinung nach waren an der Abneigung auch die vielen Vorurteile gegenüber anderer Nationen schuld“, so Müller. Die zweite Welle der Gastarbeiter aus Süd-Ost Europa stellte ein größeres Problem dar, da viele Familien nachzogen. Die Bevölkerung wollte recht wenig von ihnen wissen, deshalb wurden sie in Baracken im Industriegebiet untergebracht. Somit hat man nichts von ihrem Leben mitbekommen und sie konnten selbst ihre alten Traditionen und ihre alte Kultur ausleben.

Hans Müller wollte als Leiter des Sozialamts diesen Menschen und ihren Kindern helfen und ihnen ein besseres Leben in Heilbronn ermöglichen. Oft hielt er Vorträge in der Tagungsstätte Altenhau bei Löwenstein und lernte dadurch die Probleme aus erster Hand kennen. Diese unterschiedlichen Zuzüge brachten für Kindergärten, Schulen, Jugendeinrichtungen und die Träger sozialer Leistungen neue und besondere Aufgaben. Deshalb forcierte Herr Müller Ende der achtziger den Aufbau der Schulsozialarbeit in Heilbronn,  um den Immigrantenkindern eine gute Bildung zu ermöglichen, damit sie eine berufliche Zukunft haben. Seine offene und begeisternde Art gegenüber anderen Kulturen war dabei von großem Vorteil. Natürlich war bei all dem der Leiter des Sozial- und Jugendamtes nicht allein tätig.  Doch Müller konnte bei wichtigen Weichenstellungen mithelfen und Entscheidungen des Gemeinderats mit vorbereiten.  Wichtig für ihn war dabei der ständige Kontakt und Erfahrungsaustausch mit den Heilbronner Wohlfahrtsverbänden.  Interessant war auch die Mitarbeit als Vertreter der Stadt im „Zentrum Johannes XXIII.“, einer Einrichtung des Caritasverbandes für Italiener, Spanier und Kroaten.  Mit der Zeit lernte man immer mehr von den anderen Kulturen und sie von uns. Insgesamt war man sich gegenüber nicht mehr so fremd und die gegenseitige Akzeptanz wuchs.„Es ist ein hartes Stück Arbeit, die man leisten muss damit alles so kommen wird wie man es sich erwünscht. Doch am Ende erfreut man sich dann auch über das erfolgreiche Ergebnis, für das man kämpfte“, erklärt Müller.

Integrationspreis

Den Grund, weshalb Herr Müller den Integrationspreis erhielt, konnte er uns auch nicht genau nennen, er selbst war sehr überrascht darüber. Jedoch ist er sich sicher, dass er den Preis nicht aufgrund einer einzelnen Tat bekommen hat. Müller vermutete, es sei aufgrund seiner erfolgreichen Arbeit beim Sozial- und Jugendamt der Stadt Heilbronn und aufgrund seiner ehrenamtlichen Tätigkeiten gewesen. Die offizielle Begründung der Diaphania lautet: „Für Ihren unermüdlichen Einsatz für das Zusammenleben in unserer Heilbronner Gesellschaft und für das gegenseitige Respektieren der unterschiedlichen Kulturen.“ Außerdem war die Zuwanderungswelle eine ganz neue Erfahrung, die er durch „learning by doing“ bravurös meisterte. Dass er  immer wieder zu einer ersprießlichen Zusammenarbeit beitragen konnte, hat laut Herr Müller wohl mit zur jetzigen Entscheidung des Diaphania-Kuratoriums beigetragen.  Ebenso dürfte seine persönliche Einstellung zu Zuwanderern und Fremden eine Rolle gespielt haben. Er ging an seine Arbeit ohne Vorurteile und versuchte sein Bestes zu geben, um diesen Menschen das Leben zu erleichtern. Dies war auch nur möglich, da er offen für andere Kulturen ist und Menschen so akzeptiert und respektiert, wie sie sind.  Außerdem findet Herr Müller es schade, dass es immer so viele Vorurteile gegenüber anderen Nationen gibt, welche einen guten Kontakt zu diesen verhindern und aufgrund welcher sich die Menschen oft von den „Ausländern“ distanzieren.

Hans Müller privat

„Ich höre schon immer gern Musik bei meinen Tätigkeiten. Oft ist es  Jazz.“, berichtet Müller. Diese Musik bedeutet für ihn sehr viel. Jazz ist laut Müller ein Symbol für Frieden und Anerkennung der anderen Kulturen. „Ausländischen Jazz mag ich besonders, da dadurch andere Kulturen aufblühen und man sehr viel lernt“, so Herr Müller. Diese Musikrichtung hat viele Wurzeln und diese Kombinationen begeistern ihn. Deshalb ließ er uns auch in ein paar Stücke hineinhören, damit wir uns ein Bild davon machen konnten.

Hans Müller wirkt trotz seines Alters vor allem geistig noch sehr fit, er ist ein offener und sympathischer Mensch. Er hat sich unseren Fragen offen gestellt und diese auch gut, ausführlich und detailliert beantwortet. Es gelang ihm, seine Arbeit begeisternd und überzeugend zu präsentieren, und er steht hinter dem, was er angestoßen hat.

Ein durchgehendes Lebensmotto, das er in all seinen 75 Lebensjahren hatte, gibt es nicht. Schon als Schüler las Herr Müller mit Begeisterung die Bücher von Jack London, aus dessen Büchern er auch ein Lebensmotto entnahm: „Reason is mightier than imagination - the scientific man is superior to the emotional man“ – „Vernunft ist stärker als Einbildung – Wissenschaft überragt die Gefühle“.  Ein Anstoß zu lebenslangem Lernen.

Wichtig ist für ihn auch die in allen Gesellschaften ähnlich formulierte Erkenntnis:  „Think twice before you act“ – „Überlege zweimal, ehe du handelst“.

Heilbronn, den 01.02.2011

Thomas Ziegler  Fabian Volz